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19. Mai 2021 · 10:45 - 12:15 Uhr
Fachforum

Salafismus, Islamismus und Rechtsextremismus im Kontakt mit der Kinder- und Jugendhilfe – und nun? (im Online-Archiv verfügbar)

Kinder- und Jugendhilfe gestaltet zunehmend Zukunft für Kinder und Jugendliche mit, die in salafistisch/islamistisch geprägten Familien aufwachsen oder sich selbst radikalisieren. Forschung und Praxiserfahrungen geben Orientierung.

Die Kinder- und Jugendhilfe steht zunehmend in Kontakt mit Kindern, Jugendlichen und Eltern, die eine fundamentalistische muslimische Religiosität leben. Jungen Menschen und Familien mit rechtsextremer Weltanschauung gehören ebenfalls vermehrt zu den Adressat*innen der Kinder- und Jugendhilfe. Jugend- und Schulsozialarbeit, Jugendarbeit und die Heimerziehung erleben junge Menschen, für die der Glaube – oder Weltanschauung – zunehmend Raum in ihrem Leben einnimmt. Kitas und Kindertagespflege wird von Kindern besucht, die in streng gläubigen bis hin zu salafistisch oder islamistisch geprägten Familien oder bei rechtsextremen Eltern aufwachsen. Jugendämter und die Hilfen zur Erziehung arbeiten mit Familien und jungen Menschen, die sich aufgrund ihres Glaubens in der Gesellschaft ausgegrenzt sehen oder sich selbst distanzieren. Rückkehrer*innen und ihre Kinder aus dem sog. Islamischen Staat bringen nicht nur anspruchsvolle Einschätzungsaufgaben mit Blick auf das Kindeswohl mit sich, sondern auch ungewohnte Kooperationszusammenhänge mit Landeskriminalämtern und dem Verfassungsschutz. Dies gilt auch für andere Familien und junge Menschen in Deutschland.

Das Bundesamt für Verfassungsschutz schätzt „Islamismuspotenzial“ im Jahr 2018 auf bundesweit ca. 26.500 Personen. Mit 40% die größte Gruppe stellt die salafistische Anhängerschaft, die von 2011 bis 2018 sich auf rund 11.300 Personen verdreifacht hat. Deutsche Kinder und Jugendliche, die mit ihren Eltern zum sog. Islamischen Staat ausgereist sind oder in den Kriegsgebieten geboren wurden, wird mit ca. 300 angegeben. Das rechtsextreme Personenpotenzial wird für 2019 mit insgesamt 32.800 Personen angegeben, die in die Kategorien parteiunabhängigen bzw. parteiungebundenen Strukturen, weitgehend unstrukturiertes rechtsextremistisches Personenpotenzial und in Parteien. Rechtsextreme Straftaten sind seit 2015 auf einem anhaltend hohen Niveau (Statista, 2020).

Die zunehmende Relevanz des Themas für die Kinder- und Jugendhilfe stellt Fachkräfte vor die oft konflikthafte Frage, wie sie sich verhalten und positionieren sollen. Denn ihre Handlungen und Aussagen als Repräsentant*innen von Behörden oder sog. „öffentlichen“ Hilfen treten mit den persönlichen Wahrnehmungen der Betroffenen in schwer kalkulierbare Wechselwirkungen. Im Projekt „Radikal, fundamentalistisch, anders – Fachkräfte im Kontakt (RaFiK)“ (2019 bis 2022) haben SOCLES und DJI gemeinsam mit cultures interactive e.V. (CI) mehr erfahren über Einstellungen und Handlungsorientierungen im Umgang mit verschiedenen Arten von Extremismus und undemokratischen Milieus – sowie darüber, wie Fachkräfte praktische und ethische Dilemmata im Kontext von Kindeswohl und Religions- bzw. Meinungsfreiheit ausbalancieren. In einem weiteren Projekt haben SOCLES, CI zusammen mit der Türkischen Gemeinde Schleswig-Holstein e.V. (TGS-H) eine Orientierungshilfe für Jugendämter zu Kindeswohl bei einem Aufwachsen in salafistisch oder islamistisch geprägten Familien erarbeitet (2019 bis 2020), initiiert durch einen Beschluss der Jugend- und Familienminister*innenkonferenz und beauftragt durch das Niedersächsische Sozialministerium.

Das Fachforum will mit den Teilnehmenden die Ideen für Handlungsempfehlungen für Fachkräfte quer durch die Aufgabenfelder der Kinder- und Jugendhilfe ins Gespräch bringen und diskutieren. Gemeinsam mit den Teilnehmenden sollen die fachlichen Optionen im Umgang mit anspruchsvollen Situationen in der Praxis exploriert, Ansatzpunkte für fachliches Handeln sowie Fallstricke identifiziert und Perspektiven für die Gestaltung der Zukunft der Kinder- und Jugendhilfe in der Arbeit mit hochideologisierten jungen Menschen und Familien zu erarbeiten.

Referierende
Thomas Meysen, SOCLES International Centre for Socio-Legal Studies gGmbH
Susanne Witte, Deutsches Jugendinstitut e.V. (DJI)
Zainab Fakhir, Deutsches Jugendinstitut e.V. (DJI)
Silke Baer, cultures interactive e.V. (CI)
Tobias Meilicke, cultures interactive e.V. (CI)
Moderation
Marie Jäger, cultures interactive e.V. (CI)
Leon Brandt, SOCLES International Centre for Socio-Legal Studies
Ausrichter*in
SOCLES International Centre for Socio-Legal Studies
Kooperationspartner
Deutsches Jugendinstitut e.V. (DJI), Nockherstr. 2, 81541 München
cultures interactive e.V. (CI), Mainzer Str. 11, 12053 Berlin
Türkische Gemeinde Schleswig-Holstein e.V. (TGS-H), Elisabethstr.59, 24143 Kiel

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